HINTERGRUNDINFORMATION
Im Folgenden wird erklärt, wie Sie sich ein energieautarkes Deutschland vorstellen können.
Vorüberlegung
Energieautonomie funktioniert mit dezentraler Energieversorgung. Unter den Begriffen "energieautark" bzw. "energieautonom" verstehen wir, den Energieverbrauch einer Einheit soweit wie möglich mit erneuerbaren Energiequellen direkt vor Ort zu decken.
Dabei fängt man bei den kleinsten Einheiten bzw. Energieverbrauchern an, also zunächst bei Geräten. Diese versucht man, weitgehend energieautark zu machen, so dass sie keinen oder nur noch sehr wenig Strom aus dem Netz beziehen müssen. Ähnlich wie Solartaschenrechner oder Solaruhren könnte man sich Solartelefone, Solarnotebooks, Solar-MP3-Spieler usw. vorstellen.
Anschließend wird die nächste Einheit energieautark gemacht, d. h. das Haus oder Gebäude. Photovoltaikmodule auf dem Dach können Strom für größere Verbraucher liefern, solarthermische Anlagen und gute Wärmedämmung sorgen für eine angenehme Raumtemperatur und Warmwasser.
Wenn die vorhandene Energie nicht ausreicht, den Bedarf zu decken, stellt die nächstgrößere Einheit, die Gemeinde oder der Landkreis, die fehlende Energie aus erneuerbaren Energiequellen der unmittelbaren Umgebung zur Verfügung, z. B. Biomasse-, Laufwasser-, Wind-, Photovoltaik- oder Geothermiekraftwerke.
Anschließend wird versucht, die Region oder ein Bundesland weitgehend energieautark zu machen.
So wird also das Konzept der Energieautonomie von der kleinsten Einheit bis zu den Landesgrenzen erweitert.
Grafische Darstellung
Der Ansatz ist also nicht, zum Beispiel beim elektrischen Strom ein herkömmliches Großkraftwerk im dreistelligen Megawatt-Bereich durch ein Solarkraftwerk zu ersetzen, welches die gleiche Strommenge erzeugt. Windparks und solare Freiflächenanlagen sind jedoch durchaus erwünscht und notwendig.
Allgemein ist es wichtig, sich bewusst zu werden, was man mit Energie eigentlich bezweckt, nämlich beispielsweise Licht, Wärme, Mobilität, Komfort, Produktivität. Sich zu überlegen und vorzustellen, die hierfür notwendige Energie mit neuesten Technologien aus der direkten Umgebung zu ziehen, kann sogar Spaß machen:
Landbevölkerung
Wer in Deutschland unterwegs ist bzw. mal über das Land geflogen ist, wird folgendes bemerkt haben: Es gibt sehr viele Dörfer und kleinere Ansiedlungen, viele kleine Waldflächen und Felder, dazwischen zahlreiche Straßen und Wege. Hier lebt der Großteil der deutschen Bevölkerung: In den 82 deutschen Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern leben 25,3 Mio. Menschen (davon ca. 10 Mio in den 10 größten Städten), und somit nur ein Drittel der Bevölkerung (Quelle: Wikipedia).
Im Jahr 2040 könnte diese Landschaft folgendermaßen aussehen:
Auf den meisten nach Süden ausgerichteten Dachflächen sind Photovoltaik- oder solarthermische Anlagen installiert; bei größeren Ansiedlungen steht gegebenenfalls ein Heizkraftwerk, welches Biomasse von den umliegenden Feldern und Wäldern verbrennt.
Verstreut finden sich Windräder, Laufwasserkraftwerke, PV-Anlagen entlang von Autobahnen bzw. auf dem Mittelstreifen, entlang von Zugstrecken und Bundesstraßen. Weiterhin gibt es geothermische Bohrungen, die Warmwasser bereitstellen sowie unterirdische Wärmespeicher. In Zukunft wird es zudem weitere, leistungsfähigere Speichermöglichkeiten für elektrischen Strom geben.
Die Autos tanken bei Biokraftstofftankstellen und sind mit PV-Zellen überzogen, welche die Batterien für den Hybridantrieb zusätzlich aufladen.
Stromnetze wird es weiterhin geben. Die Frage ist lediglich, ob es sich hierbei um großräumige oder eher regionale Netze handeln wird. Hier wird sich mit dem technologischen Fortschritt (verbessertes Lastmanagement, verbesserte Speichermöglichkeiten etc.) ein sinnvolles Szenario wahrscheinlich fast von alleine durchsetzen.
Der Solar Decathlon zeigt Ideen für energieautarke Häuser: Hier treten verschiedene amerikanische Universitäten in einem Wettbewerb gegeneinander an. Ein extremes Beispiel ist das energieautarke Schiestl-Haus, das in den Alpen in 2.154m Höhe für etwa 100 Gäste errichtet wurde.
Gräfenhainichen in Sachsen-Anhalt hat bereits mit konkreten Schritten begonnen, eine energieautarke Stadt zu werden. Bereits energieautark ist das Bioenergiedorf Jühnde im Landkreis Göttingen. Ein anderes recht bekanntes Beispiel aus Österreich ist die Gemeinde Güssing.
Stadtbevölkerung
Energieautarke Städte sind wegen der hohen Bevölkerungsdichte schwieriger zu realisieren. Hier ist aber davon auszugehen, dass Energie aus dem Umland bereitgestellt werden muss. Auf der anderen Seite haben Städte den Vorteil, Wärmeversorgungsnetze und öffentlichen Transport effektiver nutzen zu können.
Individualverkehr
Der Durchschnittsverbrauch der PKW-Flotte in Deutschland liegt bei etwa 8 Litern pro 100 km. Da es schon jetzt technisch möglich ist, ein 3l-Auto zu bauen, wieso sollte es also nicht möglich sein, den Durchschnittsverbrauch auf 4l zu senken – und allein dadurch den notwendigen Treibstoffbedarf Deutschlands zu halbieren?
Biokraftstoffe in Kombination mit Strom aus erneuerbaren Energiequellen könnten dann die gleiche Fahrleistung wie heutzutage ermöglichen. Außerdem könnten PV-Zellen bzw. stromerzeugende Lacke auf den Oberflächen des PKWs zusätzlich die bordeigenen Akkus aufladen.
Güterverkehr
Güterverkehr wird bei steigenden Kraftstoffpreisen absinken, da es sich wieder verstärkt lohnen wird, lokal zu produzieren. Genaue Prognosen sind allerdings schwierig. Beim Luft- und Schiffsverkehr muss man zudem abwarten, welche Auswirkungen politische Entscheidungen haben werden, z.B. die Einführung einer Kraftstoffsteuer auf Kerosin und Schiffsdiesel.
Industrie
Für das Dienstleistungsgewerbe und den Einzelhandel lassen sich bezüglich Strom und Wärme ähnliche Szenarien entwickeln wie für Haushalte.
Energieintensive Industrien werden sich in Zukunft in der Nähe von Wasserkraftwerken, geothermischen Kraftwerken oder Windparks ansiedeln, genauso wie dies früher bei Kohlebergwerken der Fall war.
Manche energieintensiven Prozesse werden ggfs. in anderen europäischen Ländern durchgeführt, welche über erneuerbare Energien verfügen, die über den Eigenbedarf hinausgehen. Dies könnte z.B. auf die Mittelmeerländer (mit solarthermischen Kraftwerken im zweistelligen Megawatt-Bereich), Skandinavien (mit Wasserkraft- und Biomassekraftwerken), oder osteuropäische Länder (Biomassekraftwerke) zutreffen.
Beispiel Photovoltaik
Mit ca. 12 qm Photovolatik-(PV)-Modulen lassen sich bereits heute in Deutschland 1000 kWh Strom pro Jahr erzeugen (Quelle: Wikipedia und zahlreiche andere Webseiten). Diese Strommenge kann bereits den Bedarf eines normalen 2-Personenhaushalts mit Waschmaschine, Kühlschrank, Elektroherd, Fernseher, Stereoanlage, Computer usw. decken.
Wenn Sie nun durch Ihre Umgebung laufen, überlegen Sie mal, an welchen Stellen sich theoretisch PV-Module anbringen ließen, ohne dass es Sie stören würde (Dächer, Betonwände, Parkplatzüberdachungen, entlang von Autobahnen, an Lastwagen, Autos, Masten, hässlichen Fassaden, Mauern,...). Nun ist natürlich nicht jede nach Süden gerichtete Fläche geeignet, aber Sie werden erstaunt sein, wieviele Möglichkeiten nutzbar wären, um die unmittelbare Umgebung mit Strom zu versorgen.
Weitere Beispiele
Im Internet finden sich viele interessante Seiten zum Thema erneuerbarer Energien, energieautarker Häuser und Gemeinden, technischer Anwendungen usw.
Entscheidend für die Gründung der Initiative „Deutschland energieautark im Jahr 2040“ waren die Bücher "Energieautonomie" und "Solare Weltwirtschaft" von Hermann Scheer, in denen das Szenario einer energieautarken Gesellschaft mit zahlreichen Ideen beschrieben ist.
Technologischer Fortschritt und "80/20-Regel"
Natürlich fallen jedem sofort Beispiele ein, bei denen es unvorstellbar scheint, vollständig auf fossile Energieressourcen zu verzichten. Auch wird es gewisse Anpassungen geben müssen. Doch dies sollte nicht dazu führen, die Entscheidung zu verzögern, ein energieautarkes Deutschland anzustreben.
Es wäre vermessen, jetzt schon ein genaues Bild eines energieautarken Deutschlands im Jahr 2040 zeichnen zu wollen. 80% lassen sich jetzt schon vorstellen, der technologische Fortschritt wird für die verbleibenden 20% auch noch Lösungen finden. Manche Ideen, die im Moment schon gut erscheinen, werden in Zukunft durch bessere ersetzt.
Die Umsetzung der Vision kann bereits jetzt beginnen
Das Faszinierende an der Vision eines energieautarken Deutschlands ist, dass wir auf nichts mehr warten müssen, sondern sofort persönlich anfangen können, diesem Ziel näher zu kommen – z. B. auf einen „grünen“ Stromanbieter wechseln, Biokraftstoffe tanken, stromsparende Geräte kaufen, häufiger das Fahrrad benutzen, als Hausbesitzer auf Wärmedämmung achten, die Einrichtung einer Solaranlage prüfen, statt einer neuen Öl- oder Gasheizung eine Pelletheizung einbauen, energieautarke Häuser bauen usw.
Trotzdem ist es wichtig, dass sich Deutschland bewusst für die Energieautonomie entscheidet, da erst dann persönliche, privatwirtschaftliche und staatliche Investitionsentscheidungen in eine gemeinsame Richtung getroffen und nicht gegenläufige Ziele verfolgt werden.
Im Verlauf der nächsten Jahrzehnte werden wir viel über regenerative Energienutzung lernen. Und in 30 bis 40 Jahren werden wir dann wissen, wie ein energieautarkes Deutschland tatsächlich aussieht. Es wird ein interessanter Weg – lassen Sie uns losgehen!